Freiheit im Iran
Ich stehe heute Abend vor Ihnen in einer doppelten Rolle: als Geschäftsführerin von Amnesty International Österreich – und als Iranerin. Als jemand, der 1987 als fünfjähriges Kind mit seiner Familie aus dem Iran fliehen musste.
Ich erinnere mich an kaum etwas aus dieser Zeit. Ein paar Bilder: die Kälte im Winter, als wir ankamen. Der Geruch der Wiener U-Bahn. Das Gefühl, dass die Erwachsenen um mich herum angespannt waren auf eine Art, die ich nicht benennen konnte. Was ich erst viel später verstanden habe: Meine Eltern wussten, was sie riskiert hatten. Sie wussten, was hinter uns lag. Und sie wussten nicht, was vor uns lag.
Ich erzähle das nicht, um Mitleid zu wecken. Ich erzähle es, weil es erklärt, warum ich heute hier stehe. Meine Geschichte – und die Geschichte so vieler Menschen in diesem Saal – ist untrennbar mit dem verbunden, was im Iran gerade passiert. Und sie ist untrennbar mit der Frage, was wir – in Wien, in Europa – mit dieser Verbindung machen.
Diese Veranstaltung trägt den Titel "Lesung für Freiheit im Iran". Das Wort Freiheit – آزادی, Âzâdi – ist im Iran kein abstraktes Konzept. Es ist ein Schlachtruf. Es ist ein Risiko. Es kann einen das Leben kosten. Und deshalb beginne ich heute Abend nicht mit Zahlen oder Analysen, sondern mit einer einfachen Feststellung: Das iranische Volk ist nicht seine Regierung. Es ist das Gegenteil davon.
Ein Regime unter Druck – und seine Antwort darauf
Seit dem 28. Dezember 2025 gehen im Iran wieder Menschen zu Tausenden auf die Straße. Diesmal nicht als Reaktion auf einen einzelnen Todesfall wie 2022. Diesmal aus einer akkumulierten Erschöpfung heraus: wirtschaftlicher Kollaps, politische Hoffnungslosigkeit, und das Wissen, dass das Regime seit dem zwölftägigen Krieg mit Israel im Sommer 2025 regional geschwächt ist wie nie zuvor.
Das Regime reagiert auf diese äußere Schwäche mit verstärkter innerer Gewalt – ein Muster, das wir historisch immer wieder beobachten können: Wer nach außen verliert, kompensiert nach innen.
Amnesty International hat in den letzten Wochen Videoaufnahmen verifiziert und Augenzeugenberichte dokumentiert, die zeigen, wie Sicherheitskräfte von Dächern auf Demonstrierende schießen – aus Moscheen, von Polizeiwachen. Nicht um zu warnen. Sondern um zu töten. Manche sprechen bereits von der schwersten staatlichen Gewalt gegen die eigene Bevölkerung in der Geschichte der Islamischen Republik.
Was mich dabei besonders beunruhigt, ist die Sprache, die das Regime verwendet. Es spricht nicht von „Demonstrierenden“. Es spricht von „Aufwieglern“, von „Feinden“, von Menschen, die „korrumpiert“ seien. Diese Entmenschlichung ist kein rhetorisches Versehen. Sie ist die juristische Vorbereitung dessen, was folgt: Massenverhaftungen, Schnellverfahren, Todesurteile. Die Sprache tötet, bevor die Kugeln fliegen.
Und trotzdem: Die Menschen gehen auf die Straße. Trotz allem. Das ist keine Selbstverständlichkeit. Das ist eine bewusste Entscheidung unter Lebensgefahr. Ich glaube, wir müssen innehalten und begreifen, was das bedeutet – dass Menschen wissen, was ihnen droht, und trotzdem gehen. Das ist keine Hoffnungslosigkeit. Das ist die äußerste Form von Hoffnung.
“Zan, Zendegi, Âzâdi” – Was bleibt von 2022?
Als im Herbst 2022 Jina Mahsa Amini von der Sittenpolizei ermordet wurde, erfasste eine Welle der Hoffnung und des Zorns nicht nur den Iran, sondern die gesamte Welt. Die Bewegung "Zan, Zendegi, Âzâdi" – Frau, Leben, Freiheit – war mehr als ein Protest. Sie war eine Kulturrevolution von unten. Junge Frauen verbrannten ihre Kopftücher nicht nur als Symbol. Sie lehnten ein System ab, das ihre Körper als politisches Territorium betrachtet.
Drei Jahre später lautet die ernüchternde Bilanz: Das Regime hat überlebt. Aber es hat nicht gewonnen. Es hat das Kopftuchgesetz verschärft aber letztendlich nicht ganz umgesetzt, Frauen von Universitäten ausgeschlossen, Aktivistinnen systematisch verfolgt – und dennoch: Der Widerstand ist nicht gebrochen. Er hat eine neue Form angenommen. Er ist tiefer in die Gesellschaft eingesickert, unsichtbarer für das Regime, aber beständiger. Das ist die eigentliche Lektion von 2022: Unterdrückung kann eine Bewegung zum Schweigen bringen, aber nicht auslöschen.
Ich denke heute Abend an Frauen wie die Menschenrechtlerin Sharifeh Mohammadi, deren Todesurteil im August 2025 vom Obersten Gerichtshof bestätigt wurde. Oder Varishe Moradi, der dasselbe droht. Sie sitzen im Evin-Gefängnis und haben von dort aus – aus dem Gefängnis heraus – einen offenen Brief geschrieben, der um die Welt gegangen ist. Das ist keine Resignation. Das ist eine Form von Würde, die ich tief bewundere.
Ich denke auch an Narges Mohammadi, die den Friedensnobelpreis aus dem Gefängnis heraus entgegennahm – vertreten durch ihre Kinder, die sie seit Jahren nicht gesehen hat. An die Schauspielerinnen, die sich ohne Kopftuch öffentlich zeigten und dafür Berufsverbote und Verhaftungen riskierten. An die Lehrerin, die ihren Schülerinnen sagte: Ihr dürft Fragen stellen. Das klingt banal. Im Iran 2025 ist es ein Akt des Widerstands.
Was 2022 begann, war kein Aufstand, der scheiterte. Es war eine Transformation. Viele junge Iranerinnen und Iraner haben innerlich eine Grenze überschritten, die man nicht mehr zurücküberschreiten kann. Sie haben sich entschieden, wer sie sind – unabhängig davon, was das Regime von ihnen verlangt. Diesen inneren Moment der Entscheidung kann man verhaften, aber nicht rückgängig machen.
Die Todesstrafe als kalkulierter Staatsterror
Ich möchte bei einer Zahl innehalten, die man nicht einfach passieren lassen darf: Im Jahr 2025 wurden im Iran mindestens 1.226 Menschen hingerichtet. Das ist die höchste dokumentierte Zahl seit mindestens 15 Jahren. Mehr als drei Menschen pro Tag. Diese Zahl ist kein statistischer Ausreißer. Sie ist Ausdruck einer politischen Strategie.
Das Regime in Teheran verwendet die Todesstrafe nicht primär als Strafmaßnahme, sondern als Instrument der gesellschaftlichen Einschüchterung. Viele dieser Hinrichtungen finden öffentlich statt – nicht zufällig. Sie sind eine Botschaft an alle, die daran denken, zu protestieren. Anklagen wie "Verdorbenheit auf Erden" oder "Kriegsführung gegen Gott" sind keine juristischen Kategorien. Sie sind Herrschaftswerkzeuge, so flexibel wie nötig, so tödlich wie beabsichtigt.
Bemerkenswert ist auch die Timing-Logik der Hinrichtungswellen. Nach dem Krieg mit Israel im Sommer 2025 explodierten die Exekutionen, diesmal unter dem Vorwurf der Kollaboration mit dem Feind. Die staatliche Nachrichtenagentur Fars pries im Juli 2025 das Massaker von 1988 an 30.000 politischen Gefangenen als "erfolgreiche historische Erfahrung" an. Das ist kein Versehen. Das ist eine öffentliche Drohung.
Und heute, im Februar 2026, hat Amnesty dokumentiert, dass Menschen, die an den Protesten der vergangenen Wochen teilgenommen haben, bereits in beschleunigten Verfahren zum Tode verurteilt werden. Darunter zwei Minderjährige. Die Verfahren sind von Folter geprägt, Anwälte werden ausgeschlossen, Geständnisse erpresst. Es gibt keinen anderen Begriff dafür: Das ist ein Unrechtsstaat, der sein eigenes Volk terrorisiert.
Ich möchte an dieser Stelle etwas sagen, das vielleicht unbequem ist: Die internationale Gemeinschaft schaut zu. Nicht vollständig – es gibt Stimmen, es gibt Resolutionen, es gibt diplomatischen Druck. Aber die Grundstruktur ist: Wir dokumentieren, verurteilen, und machen im Wesentlichen weiter wie bisher. Während 1.226 Menschen in einem Jahr hingerichtet werden. Während Minderjährige in Todeszellen sitzen. Das Verhältnis zwischen dem, was wir sagen, und dem, was wir tun, ist massiv aus dem Gleichgewicht geraten.
Ich sage das nicht, um lähmende Schuldgefühle zu erzeugen. Ich sage es, um zu benennen, was auf dem Spiel steht, wenn wir über „internationalen Druck“ reden. Druck ohne Konsequenzen ist kein Druck. Er ist Dekoration.
Was Europa schuldig ist
Ich möchte heute Abend auch über uns sprechen. Über Europa. Über Österreich. Denn die Frage ist nicht nur, was das iranische Regime tut. Die Frage ist auch, was wir tun – und was wir unterlassen.
Im Jänner 2026 hat Deutschland gemeinsam mit vier weiteren Staaten eine UN-Sondersitzung zum Iran erzwungen. Das Mandat der UN-Untersuchungsmission wurde um zwei Jahre verlängert. Das ist ein Erfolg, der auf internationalem Druck basiert – und zeigt, dass Diplomatie, wenn sie mit echtem politischen Willen verbunden ist, wirkt.
Gleichzeitig erleben wir in Deutschland und zunehmend auch in anderen europäischen Ländern, dass iranische Asylsuchende abgeschoben werden – trotz einer Menschenrechtslage, die sich in den vergangenen Monaten dramatisch verschlechtert hat. Im Jahr 2025 wurden in Deutschland drei Viertel der inhaltlich geprüften iranischen Asylanträge abgelehnt. Das ist nicht nur rechtlich fragwürdig. Das ist politisch zynisch. Es drängt sich der Verdacht auf, dass Schutzquoten aus innenpolitischen Gründen künstlich niedrig gehalten werden, um Flüchtlingszahlen zu reduzieren – auf Kosten von Menschen, die um ihr Leben fürchten müssen.
In Wien lebt eine der größten iranischen Diaspora-Gemeinschaften Europas. Diese Menschen sind keine bloßen Betroffenen. Sie sind politische Akteure. Sie sind das lebendige Gegenprojekt zur Islamischen Republik. Sie dokumentieren, übersetzen, mobilisieren, riskieren ihre Sicherheit und die ihrer Familien im Iran, wenn sie öffentlich sprechen. Wir sind es ihnen schuldig, ihre Stimmen zu verstärken – und ihnen den politischen Rückhalt zu geben, den sie brauchen.
Was das konkret bedeutet: Österreich sollte sich aktiv dafür einsetzen, dass die EU-Sanktionsliste gegen iranische Verantwortliche konsequent aktualisiert und durchgesetzt wird. Wir sollten die UN-Untersuchungsmission nicht nur politisch unterstützen – wir sollten sie finanziell absichern. Und wir sollten aufhören, iranische Asylsuchende in ein Land abzuschieben, das sie als Feinde betrachtet.
Ich rede hier nicht von idealistischer Außenpolitik. Ich rede von den Grundprinzipien des Völkerrechts, die Österreich selbst mitverhandelt und mitunterzeichnet hat. Wer die Antifolterkonvention unterschreibt und gleichzeitig Menschen in Folterländer abschiebt, hat ein Erklärungsproblem. Das muss man laut sagen dürfen – und heute Abend sage ich es.
Dieser Beitrag basiert auf einer Rede von Shoura Zehetner-Hashemi, die am International Institute for Peace gehalten wurde.
Das IIP hat diesen Schwerpunkt in seinem jüngsten Event aufgegriffen. Für mehr Kontext, schauen Sie das gesamte Video an: https://www.youtube.com/watch?v=l8ei0pROAwE&t=4s
Shoura Zehetner-Hashemi, Juristin, von 2008 bis 2023 im diplomatischen Dienst des Außenministeriums in Wien. Sie wurde 1982 in Mashhad, Iran, geboren und verbrachte die ersten Jahre ihres Lebens mit ihren politisch aktiven Eltern im Versteck. Die Familie floh 1987 nach Österreich und erhielt dort politisches Asyl. Nach dem Jusstudium in Wien absolvierte Hashemi die Diplomatische Akademie. Sie verbrachte während ihrer Laufbahn im höheren auswärtigen Dienst sechs Jahre im Ausland (an den österreichischen Vertretungen in Brüssel, Genf und Jakarta). Ab September 2022 dokumentierte sie die Ereignisse im Kontext der Protestbewegung „Frau, Leben, Freiheit“ im Iran und engagierte sich als Aktivistin. Seit August 2023 ist Shoura Zehetner-Hashemi Mitglied der Geschäftsleitung von Amnesty International Österreich.

