Wenige Wochen vor dem deutschen Einmarsch in Polen September 1939 veröffentlichte einer der ideologischen Vorreiter und zum Teil Begleiter des national-sozialistischen Deutschlands, Carl Schmitt, seine Schrift „Völkerrechtliche Großraumordnung - mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte“. Der Titel spricht Bände und macht klar worum es Carl Schmitt und in der Folge Adolf Hitler ging: eine neue europäische Ordnung unter Führung Deutschlands.
Vom Reich zur Kapitulation
Das Konzept des Großraums schuf die ideologische und völkerrechtliche (!) Grundlage für ein imperialistisches Deutschland und seiner Einflusszone. Schmitt geht von der seitens der USA 1823 verkündeten Monroe-Doktrin aus und deutet sie „aus einem konkreten, geographisch und geschichtlich bestimmten Großraumgedanken in ein allgemeines, universalistisches gedachtes Weltprinzip“ um. Nicht der einzelne Staat ist die entscheidende politische Größe, sondern das „Reich“ ist der „neue Ordnungsbegriff eines neuen Völkerrechts“ und führt zu „einer von einem Volk getragenen, volkhaften Großraumordnung“.
Genau das verstehen, so Carl Schmitt, die jüdischen Autoren nicht: „Das eigentümliche Missverhältnis des jüdischen Volkes zu allem, was Boden, Land und Gebiet angeht, ist in seiner Art politischen Existenz begründet. Die Beziehung eines Volkes zu einem durch eigene Siedlungs- und Kulturarbeit gestalteten Boden und zu den daraus sich ergebenden konkreten Machtformen ist dem Geist der Juden unverständlich.“ (In diesem Zusammenhang sei auf die Faszination von Donald Trump für den Besitz von Territorium verwiesen. Er möchte Grönland haben, die mit den Europäern organisierte gemeinsame Verteidigung genügt ihm nicht. Besitz und Eigentum zur freien Gestaltung ist entscheidend. Boden gibt Macht, das gilt im Privaten wie im Öffentlichen). Und selbstverständlich war es der Führer, Adolf Hitler, der „dem Gedanken unseres Reiches politische Wirklichkeit, geschichtliche Wahrheit und eine große völkerrechtliche Zukunft verliehen“ hat. Nun, mit dem Ende des Krieges und der Kapitulation von Nazi-Deutschland war diese „völkerrechtliche Zukunft“ - jedenfalls für Deutschland - vorbei.
Vereinte Nationen: Lernen aus den europäischen Katastrophen
Die Siegermächte, insbesondere die USA und darüber hinaus viele Staaten, die unter dem Krieg gelitten haben, wollten die Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg und damit auch aus dem aggressiven, imperialen Expansionsdrang Deutschlands ziehen. Sie gründeten die Vereinten Nationen die solche imperialen Reiche, die dem Recht des Stärkeren huldigten, Einhalt gebieten sollen. Aber weder verzichteten die USA auf die Monroe-Doktrin, noch die Kolonialmächte auf ihre Kolonien - das benötigte noch Zeit und kolonialen Widerstand - noch die Sowjetunion auf die Errichtung eines osteuropäischen Imperiums. Unter diesen Voraussetzungen waren die Möglichkeiten der Vereinten Nationen von Vorhinein sehr begrenzt, wenngleich sie gerade im Prozess der Entkolonialisierung eine bedeutende Rolle spielten.
Der amerikanische Außenminister John Foster Dulles anerkannte schon unmittelbar bei der Gründung der UNO - in einem Artikel von Oktober 1945 -, dass die „politische Unzulänglichkeit der Organisation der Vereinten Nationen offensichtlich ist.“ Er hoffte aber auf Nachbesserungen im Laufe der Zeit. Interessanterweise unterstrich er auch, dass es schwierig ist, den Begriff „Aggression“ klar zu definieren. "Einige Expansionen und Reduzierungen von Einflusszonen können verwerflich sein, andere jedoch wünschenswert.“ Und für ihn war es unmöglich eine Definition zu finden, die den Expansionsdrang von Hitler und Kaiser Hirohito verurteilt und den der Sowjetunion akzeptiert. Dennoch, die Vereinten Nationen - mit all ihren Handicaps, nicht zuletzt in Folge des Vetorechts der Ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates - waren auf dem Grundsatz der Nicht-Aggression und der internationalen Verständigung gegründet. Auch wenn er immer wieder verletzt wurde, so war dieser Grundsatz trotzdem eine Richtschnur, die auch zur Kritik an den Staaten herangezogen werden konnte, die diesen Grundsatz verletzten.
Parallel zu der Gründung der Vereinten Nationen und anderer multilateralen Organisationen ging in Europa ein Einigungsprozess vor sich, der Zug um Zug zuerst die westlichen und dann die östlichen Staaten umfasste. Europa wollte seine Lehren aus den beiden Weltkriegen und dann auch aus der eigenen imperialen Vergangenheit ziehen. Umso schockierter waren die Europäer als mitten in Europa ein neuer Angriffskrieg begann. Leander Scholz meinte dazu jüngst in der NZZ (14.2.2026): „Den Europäern fällt es besonders schwer, diese Wende zu begreifen….. Das hat auch damit zu tun, dass kein anderer Kontinent sich so sehr darum bemüht hat, seine Weltpolitik nicht nur als fortschrittlich, sondern vor allem auch als Wiedergutmachung aufzufassen.“
Einflusszonen und darüber hinaus
Bald darauf kam der zweite Schock, als Donald Trump die Lehre bzw. Politik der Einflusszonen wieder auferstehen ließ. Einerseits unterstrich er die Bedeutung der Monroe-Doktrin - nicht zuletzt durch die Intervention in Venezuela - und anderseits hat er gegenüber Russland klar gemacht, dass er dessen Interessen in der von Wladimir Putin definierten Einflusszone respektiert. Aber so wie in der Vergangenheit fordert Donald Trump explizit ein internationales Interventionsrecht der USA über die unmittelbare Einflusszone hinaus. Schon Carl Schmitt hat klargestellt, dass die Politik der USA darauf hinausläuft, die Nichtintervention in die amerikanische Einflusszone „in eine imperialistische, unter humanitären Vorwänden in alles sich Einmischende, sozusagen pan-imperialistische Weltideologie zu verwandeln.“ Das von Donald Trump ins Leben gerufene Board of Peace entspricht genau jenem Prinzip einer universalistischen Einmischungspolitik - verbunden mit dem Bestreben der persönlichen Bereicherung.
Neben den reinen - oft persönlich motivierten - wirtschaftlichen und politischen Interessen gibt es dann oft auch eine ideologische Untermauerung der imperialen Interessen. Im Falle der heutigen USA ist es ein ausgeprägtes christliches Sendungsbewusstsein. Das ist schon in der aggressiven Rede des US Vizepräsidenten JD Vance auf der Münchner Sicherheitskonferenz 2025 zum Ausdruck gekommen. Aber auch die milder formulierte, diesjährige Rede des US-Außenministers hat keinen Zweifel an der aggressiven US-Außenpolitik gelassen, die zur Verteidigung der „größten Zivilisation der menschlichen Geschichte“ nämlich der christlichen dient. Und folgerichtig hat der US-Außenminister auch nach München neben Robert Fico in der Slowakei, einen großen Verfechter des „christlichen Abendlands“, Viktor Orban in Ungarn besucht.
Sie alle interpretieren das Christliche nicht unter dem Motto der Nächstenliebe oder der Solidarität mit den Schwachen, sondern als Religion der Starken und Erfolgreichen, die sich gegen die Neider und Migranten und Migrantinnen wehren müssen. So meinte Gustav Seibt in der SZ vom 16.2.2026 in seinem Kommentar, „dass Amerika auf geopolitisches Großraumdenken nach Art von Carl Schmitt oder auch des russischen Denkers Alexander Dugin setzt: eine Wolfswelt mit Einflusszonen, in der die Schwächeren sich den Stärkeren anschließen müssen oder eben untergehen.“ Und nicht zufällig fühlt sich auch Wladimir Putin berufen, die christlichen Orthodoxie zu verteidigen und das christliche Abendland zu retten - durch einen brutalen Krieg gegen das ukrainische Brudervolk.
Darüber hinaus ist Russland - neben China - besonders an einer „alternativen Globalisierung“ beteiligt. Darüber meint der russische Wirtschaftswissenschaftler Wladislaw L. Inosemzew, der derzeit an einem Think Tank in Zypern arbeitet: „Es handelt sich um die Machenschaften eines weltweit agierenden internationalen Netzwerkes von Drogen- und Waffenhändlern, Hacker- und Cyberkriminellen, Söldner- und Menschenhändlern sowie Terroristen, eine geheimnisvolle und verschattete Welt, deren Abläufe und Regeln undurchschaubar bleiben, die schwer zu bekämpfen ist und in der auch das Völkerrecht leerläuft. (NZZ 17.2.2026) Auch Russland begnügt sich nicht mit der Forderung, dass kein „raumfremden“ Macht in seine Einflusszone eingreift, sondern verbindet seine Verteidigung des „orthodox-christlichen Abendlandes“ mit seinen konservativen Familienwerten mit vielfältigen kriminellen Aktivitäten in einer globalen Schattenwelt.
USA - the one and only?
Aber zurück zu den USA. Für den US-Politikwissenschaftler Michael Beckley gibt es überhaupt nur eine einzige Einflusssphäre (There Is Only One Sphere of Influence - Foreign Affairs, 4.Februar 2026): „Allein die Vereinigten Staaten dominieren eine große Heimatregion, nicht nur als einen Buffer gegen die Wettbewerber wie China und Russland, sondern auch als eine Basis in der eignen Hemisphäre, von wo aus die amerikanische Macht und Wirtschaft - im Wesentlichen seitens der Rivalen ungehindert - weltweit agieren können.“ Russland hingegen „ist ein insolventer, über-militarisierter Petrostaat, der zwar die Nachbarn terrorisieren kann aber keinerlei Anziehungskraft besitzt“ und China stößt seine Nachbarn ab, weil es deren Märkte mit subventionierten Gütern überschwemmt.
Ähnlich argumentiert C.Raja Mohan der von einer „multipolaren Wahnvorstellung“ spricht und meint, dass nach wie vor kein ernsthafter Herausforderer die amerikanische Hegemonie gefährdet: „Das unipolare Moment hat nie wirklich aufgehört, es hat sich nur verändert. (The Multipolar Delusion, Foreign Affairs 17.2.2026) Allerdings, meinen sowohl auch Michael Beckley als auch C.Raja Mohan, dass so sehr diese einzig wahre Einflusssphäre ein Geschenk an Amerika ist, so ist dies auch ein destabilisierender Faktor. Eine solche Einseitigkeit verhindert ein stabiles internationales Gleichgewicht. Es gibt immer wieder Staaten und auch nicht-staatliche Organisationen, die den globalen Hegemon herausfordern wollen.
Ein globales Gleichgewicht würde allerdings auch nicht durch ein allgemein anerkanntes System von Einflusssphären der Großmächte entstehen. Stephen Walt von der Harvard University („What Spheres of Influence Are - and Aren‘t“, Foreign Policy 19.1.2026) unterstreicht, dass Großmächte ein besonderes Interesse, speziell in ihrem Nahbereich haben und es wäre dumm sie zu ignorieren. „Aber, zu versuchen die Weltpolitik durch das Umarmen des Einflusssphären-Modells zu befrieden wird den Wettbewerb der Großmächte nicht beenden.“ Einerseits sind die Sphären kaum klar abzugrenzen, Großmächte werden immer wieder versucht sein, sich in die Sphären anderer einzumischen und die Wirtschaftsbeziehungen sind längst schon zu global und überschreiten deutlich die Grenzen der Einflusszonen.
Für Stephen Walt sind übrigens auf Dauer nur jene Einflusssphäre wirksam, in denen die „dominierende Macht nicht viel unternehmen muss, um die Nachbarn auf Linie zu halten und wo sie sich im Wesentlichen als wohlwollend Helfer präsentieren.“ Das ist heute kaum bei Donald Trump der Fall und ein solches wohlwollendes Verhalten hat Wladimir Putin nie versucht. Unabhängig davon stellt sich die Frage, wie weit reicht die jeweilige Einflusssphäre, welche Staaten innerhalb dieser Zonen müssen welche Rechte des Hegemon akzeptieren etc.? Gibt es grundsätzlich zwei Arten von Souveränität, eine starke des Hegemons und eine schwache, sehr begrenzte der vom jeweiligen Hegemon abhängigen Staaten?
UNO - ein Neuanfang?
Genau aus diesen Schwachstellen einer „Ordnung“ mittels Einflusszonen und unter dem Gesichtspunkt der staatlichen Souveränität für alle Staaten braucht es regional und global umfassende Organisationen auf der Basis der Gleichberechtigung und Freiwilligkeit. Das waren und sind die Vereinten Nationen und ähnlich gelagerte Organisationen. Es wäre naiv anzunehmen, dass damit alle Machtverhältnisse und Einflusssphären verschwinden würden. Aber diese würden ihre geografischen und inhaltlichen Grenzen finden und die Schwachen gegenüber den Starken helfen. Nun aber sind die ohnedies schon auf Grund ihrer Struktur schwachen und vielfach gehemmten Vereinten Nationen durch das Alternativ-Projekt des Board of Peace zusätzlich geschwächt.
Viellicht braucht es zuerst einmal ein „Durchtauchen“ und ein „Überwintern“, um sich auf bessere Zeiten vorzubereiten. Vor allem wenn ersichtlich wird, dass der Board of Peace nicht die Erwartungen erfüllen kann und vor allem den persönlichen Interessen von Donald Trump dient. Aber auch in dieser Zwischenzeit sollten alle, die an globalen Friedenslösungen interessiert sind überlegen, wie die Vereinten Nationen fit, effizienter und repräsentativer gemacht werden könnten. Vor allem aus dem Kreis der nicht-ständigen Mitglieder des Sicherheitsrates und der UNO-Vollversammlung sollten entsprechende Initiativen kommen. Es ist ja nicht so, dass nicht viele Vorschläge in den letzten Jahren gemacht worden sind, aber noch nie war eine Reform der UNO so dringend wie jetzt. Und da sollte die Europäische Union vor allem mit den Ländern des Globalen Südens eng zusammenarbeiten. Dabei geht es nicht um noch ein europäisches Land im Sicherheitsrat sondern um eine stärkere Vertretung der bevölkerungsreichen Länder insbesondere von Afrika und Asien.
Manche, so eine der ehemalige Sicherheitsberater von Donald Trump, Nadia Schadlow, argumentieren gegen eine tatkräftige UNO. (The Globalist Delusion, Foreign Affairs,17.2 2026) Sie vertritt einen staatlich-verankerte Ansatz. Nur Staaten können Probleme lösen und nur sie sind den Menschen gegenüber verantwortlich. Aber ihr so wie der ganzen Trump-Truppe geht es nicht um demokratische Rechenschaft, sondern um Koalitionen der Willigen und die müssen dann von den Starken wie den USA angeführt werden. Aber genau darum geht es in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen: soll das Recht der Stärkeren herrschen und deren Möglichkeit Willige zu finden bzw. auch unter Druck zu setzen oder sollte das Internationale Recht für alle die Grundlage für die globale Zusammenarbeit schaffen. Dass auch in diesem Fall wirtschaftliche und politische Ungleichheiten bestehen bleiben werden, wird man akzeptieren müssen, aber zumindest der Grundsatz Recht vor Macht würde ein Mindestmaß an internationaler Gerechtigkeit schaffen.
Dr. Hannes Swoboda, President of the International Institute for Peace (IIP), started his career in urban politics in Vienna and was elected member of the European Parliament in 1996. He was Vice President of the Social Democrat Group until 2012 and then President until 2014. He was particularly engaged in foreign, enlargement, and neighborhood policies. Swoboda is also President of the Vienna Institute for International Economics, the Centre of Architecture, the University for Applied Science - Campus Vienna, and the Sir Peter Ustinov Institute.

