Vor 30 Jahren hatte ich die Chance im Township Orange Farm/Johannesburg mit dem „Lehrmeister“ von Nelson Mandela, Walter Susulu, den Grundstein für eine Schule von „Education Africa“ zu legen. Die Stadt Wien wollte mit einer finanziellen Unterstützung dieser Schulgründung den Transformationsprozess des Landes vom Apartheid-Regime zu einer anti-rassistischen Demokratie unterstützen. Wir waren uns natürlich des bescheidenen Umgangs unseres finanziellen Beitrags bewusst und hofften auf viele Nachahmer. Jedenfalls wollten wir eine Saat setzen, die aufgehen und viele Früchte in Form von gut ausgebildeten jungen Männern und Frauen bringen sollte. 30 Jahre danach konnte ich sehen, dass die Saat voll aufgegangen ist und der Schulkomplex „Masibambane“ ein großer Erfolg wurde.
Ende Mai dieses Jahres schloss ich mich – gemeinsam mit Renate Brauner – einer Delegation der Stadt Wien an und konnte erleben, wie junge Menschen beim entsprechenden Festakt musikalisch und sprachgewandt ihr Können unter Beweis stellten. Es war berührend zu sehen, wie Kinder aus den umliegenden Armenvierteln das Wissen und Können, das ihnen in der Schule vermittelt wurde, mit großem Selbstbewusstsein zum Ausdruck brachten. Sie sind es, die den Traum von Nelson Mandela verwirklichen können! Denn so wichtig die verschiedenen Einrichtungen sind, die Mandela und sein opfervolles Leben darstellen und verehren, so ist es entscheidend seine Hoffnungen und Ideen von einem neuen Südafrika umzusetzen!
Mein vergangener Besuch in Johannesburg ist nun der Anlass für einige kurze, aber grundlegende Bemerkungen zu Südafrika im Rahmen eines Blogs:
Unvollkommene Transformation
Der Erfolg der Investition in Schulen wie die in Orange Farm, kann nicht drüber hinwegtäuschen, dass viele – vor allem schwarze – Südafrikaner enttäuscht sind über die geringen Erfolge des Transformationsprozesses. Dies zeigt sich vor allem in der hohen Armutsrate. Und die wieder ist an den nach wie vor bestehenden Slumsiedlungen ablesbar und führt vielfach zu hohen Verbrechensraten und ausgedehntem Drogenkonsum.
Selbstverständlich darf man die Langzeitwirkungen von Jahrzehnten der grausamen Apartheid mit den vielen politisch motivierten Gefängnisstrafen und Todesurteilen nicht übersehen. Die Folgewirkungen dieser grausamen Politik bleiben lange wirksam und vergiften über Jahrzehnte die Gesellschaft. Das ist aber keine Entschuldigung für die Fehler, die nach dem Ende der Apartheid und der Einführung der Demokratie gemacht wurden.
Der große Humanist Nelson Mandela hat sich als Versöhner gesehen und er wollte unbedingt ein Blutvergießen und einen Bürgerkrieg vermeiden. Und das hat er geschafft. Vielleicht hat er in der Folge zu wenig an die konkreten Bedingungen gedacht, die geschaffen werden müssen, um die Demokratie tragfähig zu machen. Und so haben die großen Kompromisse, die er und generell die schwarze Mehrheit mit der weißen Minderheit gemacht hat, die Ungleichheit zwischen den besitzenden Weißen und den vielen besitzlosen Schwarzen vielfach perpetuiert.
Dabei muss man aber bedenken, dass eine dazu konträre Politik wie sie Mugabe – im Gegensatz zu den Südafrikanern – in Zimbabwe umgesetzt hat zum Ruin des Landes beigetragen hat. Mugabe hat die Weißen vertrieben bzw. enteignet, ohne dass eine schwarze Unternehmerschaft, vor allem in der Landwirtschaft, die entsprechenden Tätigkeiten übernehmen konnte. Jedenfalls ist die große Ungleichheit, die vor allem in Johannesburg deutlich sichtbar ist, extrem provozierend. Und das ist eine Ungleichheit zugunsten der Weißen und nicht eine Diskriminierung der Weißen, wie es Elon Musk und Donald Trump behaupten. Es ist genau umgekehrt – nach wie vor sind es die Schwarzen, die wirtschaftlich diskriminiert sind.
Versöhnung hatte Vorrang
Mandela war der große Versöhner wie es auch sein Clan Name „Madiba“ zum Ausdruck bringt. Mbeki, der ihm folgte, versuchte ein konkretes Reformprogramm umzusetzen. Aber vor allem unter Präsident Jakob Zuma hat sich eine ausgedehnte Korruption breit gemacht. Nach dem Motto „jetzt sind wir dran“ hat sich eine Gruppe um Zuma insbesondere in Zusammenwirken mit dem indischen Gupta Clan bereichert. Parallel dazu haben Maffia Gangs und einzelne Verbrecher eine große Unsicherheit verbreitert. Und die trifft nicht nur die Reichen, sondern auch die Armen, insbesondere wenn öffentliche Einrichtungen zerstört werden. Und vor allem Mädchen und junge Frauen sind durch gewaltbereite Männer gefährdet.
Trotz all dieser Mängel und Probleme in Südafrika selbst ist das Land und sind vor allem die Großstädte wie Johannesburg zu einem Anziehungspunkt für Migration geworden. Aus fast allen schwarzafrikanischen Ländern kommen Menschen, die in Südafrika die größere Freiheit oder einen Job suchen und oft finden. Das verschärft dann allerdings noch die Lage der armen Einheimischen. Und so kommt es auch zu etlichen „rassistischen“ Ausschreitungen und einige Länder holten jüngst demonstrativ einige ihrer Staatsbürger/Staatsbürgerinnen zurück.
Diese Ereignisse veranlassten Südafrikas Präsident Ramaphosa Stellung zu beziehen: „Wenn die Einwanderung gut gemanaged und reguliert wird, dann kann sie helfen das Wachstum zu fördern und neue Chancen für alle Südafrikaner zu schaffen. Aber wir müssen uns um die illegale Einwanderung kümmern. Wir haben ja gesehen, dass die illegale Einwanderung Druck auf unsere öffentlichen Dienste ausüben und unsere Bemühungen dezente Arbeitsplätze zu schaffen unterminiert.“ Damit hat er das allgemeine Dilemma jeder vernünftigen Einwanderungspolitik angesprochen. Diese in einem Land wie Südafrika, mit all den unbewältigten Problemen, umzusetzen ist allerdings ungleich schwieriger als in europäischen Ländern.
Wenn man durch Johannesburg, und zwar einerseits durch die extrem reichen Viertel, dann durch das herunter gekommene Stadtzentrum und weiters durch verschiedene Townships mit ihren extremen Formen der Armut fährt, kann man nicht umhin von einem „Staatsversagen“ zu sprechen. Nochmals muss man betonen, dass die verschiedenen Voraussetzungen – von der langjährigen Apartheid über den „Friedensschluss“ mit der weißen Besitzerklasse bis zur gegenwärtigen starken Immigration - jeden Kampf gegen die Ungleichheit und die Armut besonders erschwert. Aber viele Schwarze aber auch manche Weiße finden die soziale Situation skandalös und die damit verbundenen Spannung gefährlich.
Besonders ärgerlich ist die schlechte Versorgung mit Energie und Wasser. Nach wie vor sind viele Gebiete gar nicht an die entsprechenden Leitungsnetze angeschlossen bzw. wird der Versorgungsfluss für Stunden oder Tage unterbrochen. Das trifft dann oft auch die Mittel- und Oberschicht, was zu mancher Abwanderung von finanzstarken Gruppen führt.
Ausbildung als Chance
Um so mehr muss man darauf hoffen, dass die in den verschiedenen Schulen – wie der von der Stadt Wien mitbegründeten – und den Universitäten ausgebildeten jungen Südafrikaner/Afrikanerinnen eine Umkehr bewirken können. Das setzt aber voraus, dass sie entsprechende Jobs bekommen und nicht ins Ausland abwandern oder ihr Wissen und ihre Fertigkeiten den falschen, korrupten Kräften zur Verfügung stellen. Vor allem auch müsste der Staat auch jene vielfältigen privaten Organisationen und Gruppierungen unterstützen, die die Kinder und Jugendlichen weg von der Straße holen, sie betreuen und ihnen eine gute Ausbildung geben. Sie machen eine bewundernswerte Arbeit und sind die Hoffnung des Landes und damit ein Teil der Hoffnung Afrikas.
Kürzlich berichtete das Magazin „African Business“ von der internationalen wirtschaftlichen Karriere von Luvuyo Rani, der aus einem Township in Queenstown/Eastern Cape kommend seinen Weg gemacht hat – aber auch Anderen aus ärmlichen Gebieten geholfen hat. Luvoyo Rani ist nur ein Beispiel für Menschen, die sich durch Bildung emanzipieren konnten. Und so stehen Südafrikas Unternehmen an der Spitze des Rankings afrikanischer Unternehmungen. Wenngleich viele davon mit Bergbau zu tun haben, sind inzwischen auch einige Tech-Konzerne unter den kapitalkräftigsten Unternehmen. Die Frage ist allerdings, wieviel von den erwirtschaften Profiten zu der einfachen Bevölkerung in Form von neuen Arbeitsplätzen bzw. an Einkommen durchsickert.
Südafrika als Global Player
Südafrika hat sich aber auch in der internationalen Politik einen Namen gemacht. Es ist eines der aktiven Länder des „Globalen Südens“. Vor allem durch den Beitritt zur Gruppe der BRICS-Staaten hat es an Profil und Anerkennung gewonnen. Damit ist es aber auch in Konflikt mit einigen seiner Grundsätze gekommen. Südafrika ist ein besonders aktiver Kritiker der israelischen Politik insbesondere in Gaza geworden. Aus seiner anti-kolonialen Haltung heraus verurteilt es die israelische Politik gegenüber den Palästinensern und hat viele Gründe dafür! Dabei geht es allerdings sehr selektiv vor. Nicht nur erkennt Südafrikas Regierung im russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine keinen kolonialen Akt. Dies im Unterschied zum UNO-Botschafter aus Kenya, der in seiner Rede im UN-Sicherheitsrat das genau aus einer anti-kolonialen Haltung klar zum Ausdruck gebracht hat. Südafrikas Politiker übersehen, dass es die kommunistische Sowjetunion und nicht das heutige imperiale Russland von Wladimir Putin war das Südafrika in seinem Kampf gegen die Apartheid unterstützt hat. Auch wurde der sudanesische Präsident Omar al-Bashir trotz internationalem Haftbefehl 2015 in Südafrika empfangen – und nicht verhaftet.
Sicherlich ist Südafrika nicht das einzige Land, das seinen eigenen Grundsätzen untreu wird. Aber die extreme Kritik an der israelischen Politik steht im krassen Widerspruch zur toleranten Haltung bezüglich aggressiver, völkerrechtswidriger und menschenverachtender Handlungen anderer Staatschefs. Daraus folgt, dass Südafrika - so wie andere Mittelmächte des Globalen Südens – die Chancen, die sie hätten, friedensstiftend zu wirken, nicht wahrnimmt bzw. nicht wahrnehmen kann. So ist auch der Versuch von Südafrika und einigen anderen Staaten aus dem „Globalen Süden“ im Ukraine Konflikt zu vermitteln, ziemlich bald aufgegeben worden, nachdem sie in Moskau abgeblitzt sind.
Ein gemeinsamer Weg nach vorne
Weder die USA noch die europäischen Staaten können erwarten, dass sich Südafrika – nach all den schlechten Erfahrungen, die sie mit den westlichen Staaten hatten – sich ihnen gegenüber unkritisch verhalten. Aber eine grundsätzlich und unterschiedslos anti-koloniale Haltung wäre ein Gewinn für Südafrika und die Welt im Allgemeinen. Insofern ist jeder offene Dialog mit Südafrika bzw. verschiedenen Organisationen des Landes hilfreich. Nicht unbedingt aus schlechtem Gewissen heraus, aber aus Interesse an einer gemeinsamen friedlichen Zukunft.
Die Menschen in Südafrika, vor allem all jene, die an einem neuen, demokratischen und nicht rassistischen Land interessiert sind, verdienen unsere volle Unterstützung! Das sollte sich auch – aber nicht nur – in finanzieller Hilfe ausdrücken! Investitionen, gute Handelsbeziehungen und ein reger kultureller Austausch tragen zur positiven Entwicklung bei! Aber gerade auch die Unterstützung der Ausbildung junger Menschen – wie im Masibambane Schulkomplex – ist besonders wertvoll. Daraus kann ein starkes, selbstbewusstes aber gleichzeitig selbstkritisches Südafrika entstehen! Ein solches könnte gemeinsam mit anderen Mittelmächten – wie Brasilien – für eine bessere Welt sorgen!
Dr. Hannes Swoboda, President of the International Institute for Peace (IIP), started his career in urban politics in Vienna and was elected member of the European Parliament in 1996. He was Vice President of the Social Democrat Group until 2012 and then President until 2014. He was particularly engaged in foreign, enlargement, and neighborhood policies. Swoboda is also President of the Vienna Institute for International Economics, the Centre of Architecture, the University for Applied Science - Campus Vienna, and the Sir Peter Ustinov Institute.

