Besprechung des Buches von Heinz Fischer und Corinna Milborn, Worauf es ankommt (Brandstätter-Verlag, 2026, Wien)
Friede und Vernunft
Friede und Demokratie sind Heinz Fischers zentrale Anliegen, die er im Interview mit der Journalistin Corinna Milborn zum Ausdruck bringt. Für ihn muss „Außenpolitik in erster Linie Friedenspolitik sein“. Obwohl die Zukunft fast immer als düsterer empfunden wird, würden Friede, Menschenrechte, Demokratie, Gerechtigkeit und Stabilität auch Mitte des 21. Jahrhunderts zentrale Werte im Leben und in der Politik sein. Man müsse sich „Tag für Tag für Frieden und Vernunft einsetzen“. Mit genügend Vernunft könne man insgesamt optimistisch in die Zukunft blicken.
Auch Demokratie fällt dem Krieg zum Opfer
Von diesen Prinzipien ausgehend beurteilt Heinz Fischer die verschiedenen Politikfelder. An erster Stelle steht für ihn der Frieden, denn auch die Demokratie fällt dem Krieg sehr oft zum Opfer. Es gebe kein der Demokratie überlegenes politisches System, das Fischer als Freiheit der Rede, der Wissenschaft, der Kultur und des Wohnortes sowie als Möglichkeit zur Kritik definiert. Macht sei auch in der Demokratie notwendig, könne aber missbraucht werden. Ein Beispiel sei Präsident Donald Trump, der Kompetenzen für sich in Anspruch nimmt, die ihm nicht zustehen, und er dadurch auch leichtfertig mit Krieg und Frieden umgeht.
Kein Ende der Sozialgeschichte
Den Satz vom „Ende der Geschichte“ von Francis Fukuyama hält Heinz Fischer für Unsinn, denn die Wirtschafts- und Sozialgeschichte und ebenso die politische Geschichte würden nicht einfach zu Ende sein. Es gehe um Fragen wie die, wie gesellschaftliche Güter verteilt werden, wie Macht verteilt wird – und damit auch darum, wie Gerechtigkeit verstanden und umgesetzt wird.
Krieg und Dominanz der Männer
Ein Beispiel sind die über Jahrtausende von der Dominanz der Männer geprägten Gesellschaften. Das habe auch damit zu tun, dass Männer das Kriegshandwerk besser verstanden hätten. Die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs, in dem viele Frauen Aufgaben übernommen haben, die zuvor von Männern erledigt worden waren, und die Einführung des Frauenwahlrechts (1919) haben ein langsames Umdenken eingeleitet. Heinz Fischer hebt vor allem die weiblichen Persönlichkeiten in der Sozialdemokratie zu Beginn der Republik hervor.
Migration und Rassismus
Wenn auch die Frage der Migration und das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher Sprache, Herkunft oder Volkszugehörigkeit im Sinne des kategorischen Imperativs und mit Augenmaß behandelt werden müssten, könne Heinz Fischer den Grundsatz, „dass alle Menschen gleichwertig und gleichberechtigt sind“, nicht aufgeben – sonst würde man beim Rassismus, wie in der NS-Zeit, landen.
Putin zerstörte das „gemeinsame europäische Haus“
Heinz Fischer betont immer wieder den unbestreitbaren Wert Europas. Er bedauert, dass Michail Gorbatschows Formel vom „gemeinsamen europäischen Haus“ nicht umgesetzt und durch Putins Angriff auf die Ukraine letztlich zunichtegemacht wurde. Fischer schließt aber nicht aus, dass das politische System in Russland positiv verändert wird.
Gewalt im Mittleren Osten funktioniert nicht
Bruno Kreiskys Nahost-Politik habe gezeigt, dass dieser Konflikt ein schwer lösbares Problem ist. Es gebe aber keine humane Alternative zu einer Lösung am Verhandlungstisch. Das Problem mit Gewalt lösen zu wollen, funktioniere nicht.
Die Gewalt eskalierte nach dem „verbrecherischen Terroranschlag vom 7. Oktober 2023“. Heinz Fischer hält Notwehrhandlungen Israels für völlig legitim. Aber die Gegenschläge mit mehr als 70.000 getöteten Männern, Frauen und Kindern hätten mit Notwehr nichts zu tun.
Neutralität und Kriegsvermeidung
Neutralität ist für Heinz Fischer ein Konzept, das eng mit dem Ziel verbunden ist, Kriege zu vermeiden oder zumindest die Kräfte gegen den Krieg zu stärken. Neutralität müsse glaubhaft gehandhabt werden. Deswegen müsse unter anderem auch dem Bundesheer ausreichend Mittel geben werden. „JA zur Neutralität, JA zum Bundesheer, JA zu einer europäischen Friedenspolitik“ fasst Heinz Fischer seine Position zusammen.
Weniger Krieg – mehr Frieden
Heinz Fischers Überzeugung ist, nicht im Kampf für Frieden und gegen Krieg zu ermüden. Dazu gehört, weiter nach philosophischen Lösungen zu suchen, wie die Gefahr des Krieges vermieden und das Verhältnis von Krieg und Frieden mehr zugunsten des Friedens verändert werden kann.
Heinz Gärtner unterrichtet an der Universitäten Wien. Er war Direktor des Österreichischen Instituts für Internationale Politik. Er leitet den Beirat des International Institute for Peace (IIP). Er hatte mehrere internationale Forschungsaufenthalte und Gastprofessuren unter anderem an den Universitäten von Stanford, Oxford, an Johns Hopkins in Washington und in Deutschland. Er publizierte zahlreiche Bücher und Artikel zu Fragen der USA, internationaler Sicherheit, Abrüstung und Rüstungskontrolle. Unter anderem ist er Herausgeber des Buches "Engaged Neutrality" (Lexington).

