Für mich waren die USA immer ein wichtiger aber anderseits schwieriger Partner Europas. Ich gehörte nie zu denen, die die USA als eine kulturlose Nation angesehen haben. Bei einer solchen Bewertung hatte für mich immer ein rassistischer, ja manchmal nationalsozialistischer Unterton mitgeschwungen. Und schließlich waren es die USA, die Europa geholfen haben, das Hitler Regime zu besiegen und zu beseitigen - gemeinsam mit den Alliierten.
Die Janusköpfigkeit der USA
Bei meinen vielen, meist offiziellen, Besuchen in den USA bewunderte ich die Unbeschwertheit - nicht zuletzt mangels Jahrhunderte von tragischer Geschichte - und damit einhergehend den Mut zu Neuem und Unorthodoxem sowie die Bereitschaft zu Innovationen. Anderseits - vielleicht gerade auch deshalb - traf ich oft auf ein überbordendes Sendungsbewusstsein und eine entsprechende Überheblichkeit auch den Europäern als den Bewohnern eines alten Kontinents gegenüber. Aber immerhin bis vor Kurzem konnte man noch von einem Westen - wenngleich mit zwei Ausformungen reden. Das kann man heute kaum mehr. Schon als ich merkte, wie meine republikanischen Gesprächspartner aus dem US Kongress ab 2009 unter Druck der erzkonservativen Tea Party Maschinerie standen, wurde mir klar in welche Richtung sich das politische Klima verschieben würde. Und Donald Trump radikalisierte diese Entwicklung.
Der Kommentator der Financial Times, Simon Kuper, spricht in diesem Zusammenhang von der Abspaltung eines „Kleinen Westens“ bestehend aus Europa inklusive dem Brexit-Großbritannien (wie lange noch?) allerdings ohne Ungarn aber dafür mit Kanada. (FT 31.1./1.2.2026) Dabei ist nicht ganz klar welche Kräfte innerhalb Europas sich zu diesem „westlichen“ Europa und seinen Werten überhaupt bekennen.
Führt Trump Europäer zusammen?
Vielleicht ist es Trump - zumindest in Ansätzen - „gelungen“, mehr Einigung in dieses Europa zu bringen. Ein flämischer Nationalist, der derzeitige belgischer Premierminister, Bart De Wever, fordert vehement eine stärkere - jedenfalls wirtschaftliche - Integration der Europäischen Union, um Trump - aber auch Putin und Xi Jiping - gegenüber Stärke zu zeigen. Der Vorsitzende der Europäischen Volkspartei, Manfred Weber forderte kürzlich einen „europäischen Patriotismus“ und der neue Anführer der französischen Rechtsextremisten, Jordan Bardella meinte: „Angesichts der Erpressung durch Trump müssen wir mit entsprechender Entschlossenheit reagieren oder wir verschwinden hinter der Logik der Imperien.“ Nun diese europäische Einigung sollte nicht überschätzt werden, aber eine Neugestaltung des Verhältnisses zu den USA bietet auch die Chance in Europa bzw. innerhalb des „Kleinen Westens“ ein Mehr an Einigung in manchen grundsätzlichen Fragen zu erzielen.
Das gilt insbesondere im wirtschaftlichen Bereich. So meinte Barnaby Skinner in der NZZ (29.01.2026), dass die Europäische Union und Kanada Ressourcen besitzen, die die USA für ihre eigene wirtschaftliche Entwicklung brauchen: „Dabei sprechen die Lieferketten eine klare Sprache: Die USA liefern den Geist: KI-Modelle, Software, Risikokapital; Europa stellt den Körper: Maschinen, die Optik; die Kanadier besorgen die Nahrung: Energie, Rohstoffe.“ Auch wenn die Realität etwas komplexer ist, so ganz unabhängig sind die Amerikaner nicht von europäischen und kanadischen Ressourcen. Gerade das spricht auch für eine engere Kooperation zwischen Europa und Kanada. Und die viel Aufmerksamkeit erregende Rede des kanadischen Premierministers in Davos unterstreicht die Sinnhaftigkeit und geradezu Notwendigkeit dieser transatlantischen Kooperation.
Bruch mit den USA?
Die deutsche Wochenzeitung „Die Zeit“ bringt in einem Spezialfeuilleton (29.01.2026) unter dem Titel „Bleibt jetzt nur der Bruch mit den USA?“ die Antworten verschiedener Intellektueller auf diese Frage. Interessant ist, dass viele die Stärkung Europas im Vordergrund sehen und nicht den unmittelbaren Bruch mit den USA. So meint der linke Philosoph, Slavo Zizek, aus Slowenien: “Es geht nicht darum, die Vereinigten Staaten zu verärgern - im Umgang mit den USA sind tatsächlich pragmatische Kompromisse notwendig - sondern uns selbst zu definieren.“ Und der Politikwissenschaftler Yascha Mounk - geboren in Deutschland und in den USA lehrend - meint: „Will Europa mehr Autonomie, liegt der Schlüssel nicht im Bruch mit Washington: er liegt darin, die militärische Sicherheit auf dem eignen Kontinent gewährleisten zu können, fühlbares Wirtschaftswachstum zu erzeugen und vor allem eine echte Rolle in den Technologien der Zukunft - von den Elektroautos bis hin zur KI - zu spielen.“
Die amerikanische Schriftstellerin Siri Huvstedt meint zusammenfassend: „Das Argument für eine Stärkung Europas muss politisch und strategisch sein, vor allem aber muss es ethisch sein.“ Genau das ist die große Herausforderung an Europa. Wie können wir uns verteidigungspolitisch unabhängiger machen, wirtschaftlich die neusten Entwicklungen - zum Beispiel im Bereich der KI - auch in Europa vorantreiben und dabei aber eine klare ethische Position beziehen - sowohl bei der Gestaltung der Verteidigung, der Entwicklung neuer Technologien und in den internationalen Beziehungen?
Dabei sollte Europa nicht drauf verzichten mit jenen Amerikanern und Amerikanerinnen Kontakt zu haben und zusammen zu arbeiten, die von ähnlichen Voraussetzungen ausgehen. Der deutsche Historiker Karl Schlögl meinte in derselben Ausgabe der „Die Zeit“ dazu: „Wir müssen die alte westliche Wertegemeinschaft auf die Höhe der Zeit bringen, eine Lebensform verteidigen, die es über den Atlantik hinweg gegeben hat und die trotz des weltweiten Trends zu Autoritarismus der „strong men“ bis heute von starker Attraktion ist. Der Atlantik wäre darin das Mittelmeer eines erneuerten Westens“. Was Europa braucht, ist jedenfalls eine ehrliche Debatte zwischen all jenen, die zumindest erkannt haben, dass wir nicht nur gegenüber Putin und Xi Jiping sondern auch gegenüber Trump klar Stellung beziehen müssen, wollen wir uns nicht den großen Imperien unterwerfen.
Europa muss handeln - zu Hause und global
Dazu braucht es sicher ein Mehr an Verteidigungsbereitschaft und -kapazität. Hinzu kommt die Notwendigkeit die wirtschaftliche Integration voranzutreiben, vor allem auch einen gemeinsamen Kapitalmarkt zur Finanzierung europäischer Unternehmen zu entwickeln. Industrie, Technologie und Innovationen müssen Schwerpunkte der europäischen Wirtschaftspolitik werden - durchaus in einem realistischen Verbund mit einer Politik der Nachhaltigkeit und der Klimapolitik. Und dann geht es um eine pragmatische Zusammenarbeit - gerade auch in Handelsfragen - mit den Ländern jenseits Europas, vor allem auch im sogenannten Globalen Süden. Der Pragmatismus, der einer solchen Strategie zu eigen ist, sollte dabei nicht zum Verlust der Werte und Prinzipien führen, auf denen das Neue Europa nach 1945 aufgebaut wurde.
Ja, Europa wird wahrscheinlich darauf verzichten müssen, immer als Lehrmeister der Welt aufzutreten. Die Demokraten und Anhänger der Rechtsstaatlichkeit in der EU werden sich mehr um die inner-europäischen Auseinandersetzungen diesbezüglich bemühen müssen und versuchen mit jenen Gruppen sich zu verbünden, die - nicht zuletzt in den USA - einen ähnlichen Kampf führen müssen. Die internationale politische und ideologische Vernetzung sollte das demokratische Europa jedenfalls nicht den reaktionären Kräften wie Peter Thiel, Elon Musk und Steve Bannon überlassen. Das sind Vernetzungen, die die Zerstörung der Europäischen Union zum Ziel haben oder zumindest die Umwandlung in eine lockere und von Werten befreite Gemeinschaft, die Donald Trump and JD Vance mehr folgen als den europäischen Interessen.
So versteht der amerikanische Historiker Timothy Snider die Europäische Union als Antwort auf die Frage, „was nach den Imperien kommt. Sie versucht eine große integrierte Zone zu schaffen, die nicht auf Ausbeutung beruht und nicht auf dem Gefälle zwischen Zentrum und Peripherie. Die EU ist nicht perfekt, aber hier unterscheidet sie sich drastisch von den Imperien alten Typs.“ (FAZ-Sonntagszeitung 01.02.2026) Genau drauf sollte Europa aufbauen, wenngleich es auch ein wenig an Macht ausspielen muss, um sich global durchzusetzen.
Dr. Hannes Swoboda, President of the International Institute for Peace (IP), started his career in urban politics in Vienna and was elected member of the European Parliament in 1996. He was Vice President of the Social Democrat Group until 2012 und then President until 2014. He was particularly engaged in foreign, enlargement, and neighborhood policies. Swoboda is also President of the Vienna Institute for International Economics, the Centre of Architecture, the University for Applied Science - Campus Vienna, and the Sir Peter Ustinov Institute.

