‚Standing Together‘ ist eine vor über zehn Jahren gegründete jüdisch-palästinensische Initiative mit dem Ziel das friedliche Zusammenleben von Jüd:innen und Palästinenser:innen zu propagieren und zu unterstützen. Ursprünglich in Israel gegründet finden sich in vielen europäischen Staaten diesbezügliche Initiativen in Form von öffentlichen Kundgebungen und von Diskussionsveranstaltungen. Dabei geht es nicht nur um die Aussöhnung zwischen den Angehörigen beider Völker, sondern auch um den Kampf für eine gerechte und soziale Demokratie. Entscheidend ist nicht die Staatsform des Zusammenlebens – Zweistaatenlösung, ein gemeinsamer Staat, Staatenföderation etc.; sondern die Bereitschaft zusammen so zu leben, so dass keine Gruppe auf Kosten der anderen lebt oder sie sogar vertreibt und vernichtet.
Standing Together als Partei?
Inzwischen hat sich aus dieser Bewegung heraus in Israel selbst eine Partei entwickelt mit dem Namen: „A Place for Us All“. Sie versucht bei den kommenden Wahlen Stimmen aus allen Bevölkerungsgruppen zu gewinnen. Viele Menschen, vor allem aus der arabischen Bevölkerung, haben bekundet, dass sie nicht wählen wollen. Sie gilt es nun zu überzeugen, dass mit „A Place for Us All“ eine Partei entstanden ist, die das friedliche Zusammenleben aller – Juden/Palästinenser/Beduinen – zum Ziel hat. Sally Abed, eine Palästinenserin, die auch im Gemeinderat von Haifa sitzt, geht es auch um eine Neudefinition des Patriotismus: „Unsere Mission besteht darin, neu zu definieren was es heißt eine Patriotin zu sein. Ich möchte herausfinden, wie ich meine Liebe zu dem Ort wo ich wohne mit der Liebe zu den Menschen verbinden kann.“
Man wird sehen, wie diese neue Partei reüssieren kann und ob sie das Parteiengefüge in Israel neu aufzumischen kann. Aber was können wir in Europa tun. Was können wir zum „Zusammenstehen“ in Israel/Palästina beitragen. Bei einer jüngsten Veranstaltung in Wien, bei der ich als Teilnehmer eines Panels sprach, kamen unterschiedliche Vorschläge zur Diskussion. Wie bei den meisten diesbezüglichen Debatten standen Sanktionen und Boykotts im Vordergrund. In der Tat haben Europa und die einzelnen EU-Mitgliedsstaaten eine sehr gespaltene Haltung gegenüber Russland und Israel entwickelt.
Auf Druck der israelischen Regierung ist man gegenüber Israel sehr vorsichtig, was Sanktionen betrifft. Aber es gibt auch Israeli, die diesbezüglich eine sehr klare, differenzierte Haltung an den Tag legen. So meinte der ehemalige Botschafter Israels in Deutschland, Shimon Stein: „Soll man israelische Minister sanktionieren? Ja, zweifelsohne - man sollte zudem nicht vergessen, wer ihr Chef ist! Soll man den Import von Produkten aus dem Westjordanland verbieten? Ja, auch wenn ich verstehe, dass das schwierig ist, weil es an die Naziparole „Kauft nicht bei Juden“ denken lässt (Die Zeit, 18.6.2026).
Generell sind auch viele Juden und Jüdinnen hinsichtlich der Entwicklungen die Israel durchgemacht hat verzweifelt. Das ist nicht nur an den Demonstrationen im Land selbst ablesbar. So meinte unlängst der deutsch-jüdische Autor und Theaterregisseur Benjamin Korn in einem Beitrag unter dem Titel „Die versunkene Zeit“ (Lettre International 153): „Wir sind dabei, das Scheitern der zionistischen Idee als einer geträumten Einheit von Demokratie und Judentum zu erleben, und rasen, analog zum Vatikan oder den arabischen Scheichtümern, auf ein theokratisches Staatsgebilde zu. Der ultrareligiöse Bestandteil der zionistischen Idee hat den universalen verschluckt.“ Für manche in Europa – und darüber hinaus – rechtfertigt diese Veränderung – nämlich, dass „die religiösen Fanatiker herrschen und den demokratischen Institutionen an die Kehle gehen“ – eine krude anti-israelische und oft sogar anti-semitische Haltung. Und das führt dann immer zur Forderung nach einseitigen und vor allem gegen Israel als solche gerichteten Maßnahmen.
Standing Together als europäisches Projekt
Ich meine dennoch, dass im Vordergrund der Überlegungen darüber, was wir in Europa tun können, positive Maßnahmen stehen sollten – durchaus in Ergänzung zu überlegten und begründbaren Sanktionen. Europäische Staaten, Städte und Regionen, aber auch verschiedene Institutionen sollten die Idee des ‚Standing Together‘ aufgreifen. Sie sollten Israeli und Palästinenser zu gemeinsamen Aktivitäten einladen. So könnten sich Kulturschaffende aus Literatur, Film und Bildender Kunst in Europa treffen und austauschen. Wissenschaftler und Forscher sollten in Europa an gemeinsamen Projekten arbeiten. Studenten und Studentinnen könnten an einer gemeinsamen Zukunft in der Region aber auch darüber hinaus arbeiten. Dabei gibt es schon einige solche Projekte in der Region selbst und die könnte man entsprechend unterstützen.
Überdies sollten auch Vertreter/Vertreterinnen aus anderen Ländern insbesondere aus dem Libanon eingeladen werden. Sie alle könnten in den einzelnen Ländern selbst für ein neues Klima der Verständigung sorgen. Wir in Europa können nur sehr begrenzt die Entwicklung in der Region selbst beeinflussen. Aber wir können und sollten Menschen aus der Region anregen solche positive Entwicklung in Gang setzen.
Mauern überwinden
Diese Maßnahmen könnten auch jene Mauer überwinden zu helfen, von denen Benjamin Korn feststellt, das sie von Tag zu Tag wachsen: „Die Mauer zwischen Arm und Reich, zwischen denen, die am Feuer, und den anderen, die an Überschwemmung leiden. Zwischen Europa und den USA. Zwischen Israel und Palästina (…) Kurz: die grosse Mauer zwischen Haben und Nicht-Haben.“ Und Korn befürchtet „einen Sieg des tribalen Denkens“ also eines Denkens in denen nur der zählt, der zum eigenen Stamm, zur selben Religion, zur selben Nation etc. gehört. Einem solchen Sieg entgegenzuarbeiten, genau dafür macht es Sinn das „Standing Together“ als eine gemeinsame europäische Aktion umzusetzen und auszudehnen.
All diese Initiativen, die europäische staatliche und private Stellen unternehmen könnten, wären nicht nur eine Kritik an den rassistischen Einstellungen und Handlungen, die von und aus der israelischen Regierung kommen. Sie wären auch ein Gegenstück zu den unsinnigen und kontraproduktiven Boykotten mancher Kultur- und Wissenschaftsinstitutionen in Europa.
Sicher ersetzten solche Maßnahmen nicht Handlungen vor Ort und politische Gespräche aus der konfliktreichen Region im Nahen Osten eine Region der friedlichen Koexistenz und später der Zusammenarbeit zu machen. Aber gerade dieses Ziel braucht Menschen, die bereit sind, trotz furchtbarer Verbrechen in der Vergangenheit und des dadurch bedingten Hasses aktiv an einer friedlichen Zukunft zu arbeiten. Und überdies - so meint Christian Weisflog in der NZZ (23.6.2026): „Sollte eine politische Versöhnung zwischen Israeli und Palästinensern gelingen, würde dies dem iranischen Regime den letzten Rest seiner Legitimität nehmen.“ Davon sind wir zwar weit weg, aber einen Schritt in diese Richtung zu machen, könnte die Hoffnung auf einen friedlichen Nahen Osten aufrechterhalten.
Dr. Hannes Swoboda, President of the International Institute for Peace (IIP), started his career in urban politics in Vienna and was elected member of the European Parliament in 1996. He was Vice President of the Social Democrat Group until 2012 and then President until 2014. He was particularly engaged in foreign, enlargement, and neighborhood policies. Swoboda is also President of the Vienna Institute for International Economics, the Centre of Architecture, the University for Applied Science - Campus Vienna, and the Sir Peter Ustinov Institute.

