Der Norden Europas und die Arktis – Sicherheit durch Rüstung und/oder Zusammenarbeit

Es ist nicht verwunderlich, dass sich auf Grund des neuesten Krieges alle Augen in Richtung Nahen Osten wenden. Dort spielt die aktuelle – tragische – militärische, geo-ökonomische und -politische Musik. Auch nach der Waffenpause bleibt die Region unter extremer Spannung. Leider wird dadurch der andauernde Krieg Russlands gegen die Ukraine in den Hintergrund gerückt. Noch mehr gilt das für potenzielle Konfliktregionen im Norden Europas. Aber wir sollten uns nie von der kritischen Beobachtung der anderen, wenngleich eher langfristig gefährlich werdenden, Krisenregionen durch die aktuellen Kriege und Konflikte ablenken lassen. Gerade die kriegerischen Entwicklungen im Nahen Osten machen deutlich, wie sich die sträfliche Vernachlässigung von schwelenden Bränden katastrophal auswirken kann.

Konzentration auf Europas Norden
So war es durchaus sinnvoll, dass sich die diesjährige Konferenz der Pariser Verteidigungsakademie mit den Entwicklungen im Norden Europas und vor allem in der Arktis auseinandersetzte. Das Partnerland war diesmal – nicht zufällig – Dänemark. Der Streit um Grönland bzw. der imperiale Anspruch von US-Präsident Trump auf diese Insel war ein entsprechender Anlass. Trump hatte mit seinen Ansprüchen insofern ein Argument, als dass Grönland eine wichtige Rolle für die Sicherheit in und rund um die Arktis darstellt. Aber er irrt, wenn er glaubt, durch einen Wechsel im Eigentum und durch eine daraus folgende Entfremdung zwischen den USA und Europa einen Beitrag zur Sicherheit zu leisten. Jedenfalls kommt dadurch wieder seine Ablehnung der internationalen Zusammenarbeit und speziell der Europäischen Union zum Ausdruck. Für ihn zählt nur, worüber er auch selbst verfügen kann – oder zumindest glaubt verfügen zu können.

Aber was ist so besonders an der Situation im Norden, insbesondere der Arktis? Die Politikwissenschaftlerin und Militärstrategin Florence Gaub hat es in ihrem äußerst lesenswerten Buch ‚Szenario – Die Zukunft steht auf dem Spiel‘ klar formuliert: „Die Arktis ist der Ort, wo alles zusammenkommt: China, Russland, die USA und Europa“. Außerdem ist Grönland laut Rudolf Hermann und Andreas Doepfner (‚Von der Eiswüste zur Arena der Grossmächte‘): „(…) ein schlafender Riese für strategische Rohstoffe“. Hinzu kommt, dass sich diese Region massiv verändert hat und weiter verändern wird. Durch die Klimaveränderungen wird die Passage zwischen den betreffenden Kontinenten und Ländern auch im Winter immer leichter. Das vereinfacht und vermehrt die Anzahl der kommerziellen Schifffahrten. Aber die Erwärmung erleichtert eben auch die militärische Nutzung der entsprechenden Passagen, insbesondere die Durchfahrt von nuklear betriebenen U-Booten.

Schon die kommerzielle Nutzung der Arktis verursacht Ängste vor allem bei jenen, die um die besonderen ökologischen Bedingungen der Arktis besorgt sind. Dabei geht es nicht nur um die Zunahme der Schiffsfahrten, sondern vor allem auch um die Ausforschung und die Gewinnung der reichlich vorhandenen Bodenschätze. Durch die Eisschmelze kann die Gewinnung kritischer Mineralien auch kommerziell attraktiver werden - nicht zuletzt auch für die Verwendung in der Rüstungsindustrie.

Militarisierung unter ungleichen Bedingungen
Die militärischen Aspirationen dienen neben der Absicherung der Suche nach Bodenschätzen auch zur Erringung einer militärischen Vormachtstellung in dieser geo-politisch und geo-ökonomisch wichtigen Region. Von Seiten Europas, insbesondere der nördlichen Länder, wird vor allem eine verstärkte russisch-chinesische Zusammenarbeit in der Erforschung sowie kommerziellen und militärischen Nutzung der Arktis befürchtet. Der Ukraine Krieg hat die beiden Großmächte zu einer verstärkten Zusammenarbeit geführt, die insbesondere in der Arktis für beide Länder von Nutzen sein könnte. Und das in Zeiten in denen die Zusammenarbeit zwischen der Europäischen Union und den USA einem großen Stresstest unterworfen ist.

Gerade auch die imperialen Ansprüche der USA auf Grönland haben die Bündnisfestigkeit der NATO in Frage gestellt. Und immer wieder – zuletzt auf Grund der Weigerung der europäischen NATO-Partner, sich am Krieg gegen den Iran zu beteiligen – hat Präsident Trump mit dem Austritt aus der NATO gedroht. Dass die NATO ein Verteidigungsbündnis ist und dass überdies der mit Israel durchgeführte Angriffskrieg gegen den Iran ohne Konsultationen mit den europäischen Partnern gestartet wurde, kümmert Trump nicht. Jedenfalls ist deutlich erkennbar, dass die USA zwar die Europäer drängen ihre Rüstungsanstrengungen zu erhöhen – mit Recht – aber sie erweisen sich selbst immer mehr als unsicherer und unverlässlicher Partner. Trump stellt sich vor, dass die Europäer seine Alleingänge, ohne sie zu hinterfragen, immer unterstützen. Diese Haltung entzweit die USA und die Europäer zunehmend.

Auf der anderen Seite hat der Krieg in der Ukraine insbesondere Russland und China insofern nähergebracht, als China Russland jedenfalls insofern und insoweit unterstützt, dass Russland den Krieg nicht verliert. Zwar hat dies nicht zu einem Bündnis ähnlich dem der NATO geführt, aber auch eine gezielte Zusammenarbeit zum Beispiel in der Arktis muss dem Westen – soweit er noch als Gemeinschaft existiert – Sorgen bereiten. Vor allem China hat hinsichtlich der militärischen Kapazitäten massiv aufgeholt. Und wenn auch das „imperiale“ Interesse Chinas vor allem dem Chinesischen Meer und Taiwan gilt, so ist die Arktis ein für die wirtschaftliche Entwicklung und die militärische Sicherheit Chinas kritische Region.

Was Russland betrifft, kann es nach einem Ende des Krieges gegen die Ukraine, der höchstwahrscheinlich nicht zu einer Kapitulation Russlands führen wird, ebenfalls rasch aufholen. Russland hat seine Wirtschaft auf eine Kriegswirtschaft umgestellt. Und wenn auch objektiv Russland zu den – jedenfalls wirtschaftlichen – Verlierern des Krieges zählt, so fühlt es sich als Gewinner, solange es einen Teil des Ukrainischen Territoriums zugesprochen erhält. Solange Putin das russische politische System beherrscht bzw. ein ähnlich gesinnter Nachfolger auftritt, ist mit aggressiven imperialen Schritten zu rechnen. Zwar hat Russland die Widerstandskraft der Ukraine unterschätzt, aber viele im Westen haben das Durchhaltevermögen Russlands unterschätzt und daher sollte man auch nach dem Ende des Krieges gegen die Ukraine nicht die Bereitschaft Russlands zu weiteren politischen Abenteuern unterschätzen.

Das autoritäre System hat es weitgehend geschafft, die Bevölkerung zumindest zur Duldung des Krieges zu bewegen und noch immer gibt es trotz vieler Opfer (!) eine nicht unbeträchtliche Zahl von Unterstützern des Krieges gegen die Ukraine. Nach Ende des Ukrainekrieges stellt sich aber für Putin die Frage wie er weiter seine Herrschaft aufrechterhalten will? Verstärkte – hybride – Aktivitäten im Norden und insbesondere in der Arktis können dann zur Aufrechterhaltung des autoritären und imperialen Systems in Russland fast notwendig werden.

Europäische Verteidigungsanstrengungen
Einer verstärkten Zusammenarbeit zwischen Russland und China steht ein geschwächtes Bündnis zwischen der Mehrheit der Mitgliedstaaten der EU, die gleichzeitig Mitglieder der NATO sind - sowie Kanada einerseits und den USA anderseits gegenüber. Die EU-Mitglieder insgesamt versuchen Ihre militärischen Kapazitäten zu erhöhen und die europäischen NATO-Mitglieder versuchen einen Spagat zwischen einer fortgesetzten Zusammenarbeit mit den USA und einer größeren Unabhängigkeit von Waffenlieferungen von den USA. Dabei gilt es rasch dort militärische Kapazitäten aufzubauen wo die Abhängigkeit von den USA besonders groß sind. Das betrifft insbesondere die Satellitenkommunikation. Ohne ausgedehnte und dem jeweiligen Stand der Technik entsprechende Satellitensysteme kann keine Verteidigung wirksam werden. Dabei sind die Satelliten selbst immer wieder Angriffen ausgesetzt – zum Beispiel durch feindliche Satelliten, die auf Kollisionskurs gebracht werden – und müssen daher einerseits geschützt werden bzw. immer wieder rasch ersetzt werden können. Europa darf sich jedenfalls nicht auf kommerzielle Satelliten für die militärische Aufklärung und Kommunikation verlassen.

Selbstverständlich wäre eine fortgesetzte Kooperation bzw. mit den USA abgestimmte Koordination der Rüstungsausgaben effizienter und kostengünstiger. Jana Puglierin hat es klar formuliert: „Europa muss alles daransetzen, die Vereinigten Staaten so umfassend und so lange wie möglich in Europa militärisch engagiert zu halten – auch unter einer erneuten Trump-Regierung und trotz der ideologischen und geopolitischen Differenzen. Ein plötzlicher Rückzug der USA aus der NATO würde innereuropäisch eine tiefe Krise auslösen – und Europas äußere Sicherheit, so viel sollte klar geworden sein, immens gefährden“ („Wer verteidigt Europa?“)

Dass Europa mehr für die eigene Sicherheit unternehmen muss, betonte auf der Tagung in Paris auch der zuständige EU-Kommissar. Europa muss eine stärkere Unabhängigkeit von den USA aus drei Gründen erreichen: Einerseits geht es um die Verstärkung der europäischen Rüstungsindustrie und vor allem um die Systeme, die den effektiven Einsatz von Waffen ermöglicht (Enabling Systems) – zum Beispiel von Satellitensystemen. Weiters muss die Anzahl der von den USA gelieferten Waffen –vor allem Flugzeuge - die mit einem „switch“ seitens der USA versehen sind, mit denen die USA die Nutzung bestimmter Funktionen durch die Europäer ausschalten können, verringert werden. Und zuletzt produzieren die USA nicht genügend Waffen für Europa. Und das wird besonders nach dem massiven Verbrauch von Waffen im Krieg gegen den Iran deutlich und schmerzlich spürbar werden.

Leider allerdings kommt die europäische Zusammenarbeit bezüglich Erzeugung und Beschaffung von Rüstungsgütern nur sehr zögerlich voran. Zu oft pochen die Regierungen im Sinne der Souveränität auf die eignen nationalen Interessen, wenn es um die Produktion und Anschaffung von Rüstungsgütern und die Vorlieben der eigenen Armee geht.

Der im Allgemeinen gegenüber der EU – und vor allem ihrer Wirtschaftspolitik – sehr kritisch eingestellte deutsche Ökonom Hans-Werner Sinn hat zuletzt mit einem radikalen Vorschlag aufhorchen lassen. „Gelänge es, in einer Koalition der Willigen wesentliche Teile der europäischen Streitkräfte in einem Europäischen Bund mit nur einem Oberkommando zu vereinen, könnte Europa seine Feinde wirksam abschrecken und seine nicht mehr ganz so guten Freunde zur Mäßigung anhalten. Trump hätte Respekt, und Putin würde sein Imperium zügeln.“ Dieser Bund sollte neben der EU bestehen und in die NATO integriert werden. Auch müsste Frankreich für die ‚Übertragung der Atomwaffen an den gemeinsamen Bund‘ gewonnen werden. Abschließend meinte Hans-Werner Sinn in seinem Beitrag in der FAZ (13.4.2026): „Eines fernen Tages können dann die EU und der Europäische Bund zu den Vereinigten Staaten von Europa zusammenwachsen.“ Aber so faszinierend und auch nachvollziehbar dieser Vorschlag ist, Europa rauft derzeit schon mit der Umsetzung weniger ambitionierter Kooperationsprojekte im Bereich Rüstung und Verteidigung.

Der neue Norden Europas
Nachdem Schweden und insbesondere Finnland der NATO beigetreten sind und ein großes Interesse an einer gemeinsamen europäischen Verteidigungspolitik haben, bekommt die nördliche Region nicht nur einen großen Stellenwert für die Erhaltung der europäischen Sicherheit, sondern erhöht sich auch die Chance für eine erfolgreiche Abschreckungspolitik. So erfährt die nördliche Dimension der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik durch die militärische Kapazität der beiden Länder, insbesondere von Finnland, das überdies auch eine Erfahrung in der militärischen Auseinandersetzung mit Russland hat, eine entscheidende Unterstützung. Aber auch Dänemark hat nach der russischen Aggression gegen die Ukraine ihre distanzierte Politik gegenüber einer europäischen Verteidigungspolitik aufgegeben und ist aktiv an einer entsprechenden Ausgestaltung einer europäischen Sicherheitspolitik interessiert. Trumps aggressive Politik in Bezug auf Grönland – das ja zu Dänemark gehört – hat diese Neuorientierung noch verstärkt.

Jedenfalls ist der Norden Europas – das schließt die Baltischen Länder und Polen mit ein – vorrangig an einer Stärkung der Verteidigungskapazität interessiert. Insoweit von Russland eine Gefahr aus geht so betrifft es diese Länder direkt und indirekt. Dabei geht es eben nicht nur um die oft zitierte Suwalki-Lücke zwischen Litauen und Polen, in die russische Kräfte leicht vorstoßen können, um eine direkte Verbindung zwischen Weißrussland und dem russischen Kaliningrad herstellen zu können. Es geht langfristig vor allem um die Zukunft der nördlichen Region Europas insgesamt und damit vor allem auch um die Arktis als neuralgischen Verknüpfungs- und Begegnungspunkt verschiedener Mächte.

Dabei stellt sich die grundlegende Frage, ob und inwieweit eine gesamt-europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik erreichbar ist. Einerseits haben unterschiedliche Regionen unterschiedliche Risiko-Perzeptionen und Krisenerfahrungen. Daraus folgen auch unterschiedliche Verteidigungskulturen. Anderseits stellt sich trotz verschiedener Kooperations- und Vergemeinschaftungsprozesse die Frage, wie die nationale Souveränität, die europäische Partnerschaft und die militärische Allianz im Rahmen der NATO zusammengeführt werden kann. Es ist nicht leicht aus diesem Gleichklang – nationale Souveränität, europäische Partnerschaft und – wenngleich unsicherer gewordener - nord-atlantischer Allianz eine konsistente und effizient Verteidigungspolitik zu gestalten.

Dabei ist selbstverständlich jede nationale Verteidigungskapazität entscheidend für eine gemeinsame Verteidigung und umgekehrt bewirkt das Vorhandensein der europäischen Zusammenarbeit und eine militärische Allianz einen entscheidenden Verstärkereffekt aus. Entscheidend ist aber auch, dass sich Europa auf mögliche kriegerische Auseinandersetzungen von morgen vorbereitet und nicht auf die Kriege von gestern. Das heißt es braucht eine innovationsfähige und innovationsbereite Verteidigungsindustrie, um jeden Aggressor abzuschrecken und den Frieden zu bewahren.

Kooperation statt unbegrenztem Rüstungswettbewerb?
Eine hohe Flexibilität und Anpassungsfähigkeit ist jedenfalls eine entscheidende Voraussetzung einer effizienten Verteidigungsstrategie. Letztendlich geht das nur mit einer engen Zusammenarbeit zwischen der Industrie und den öffentlichen Auftraggebern. Das allerdings birgt die Gefahr eines militärisch-industriellen Komplexes, der die Kosten der Rüstung enorm in die Höhe treibt. Und vor allem der Wettbewerb zwischen den großen militärischen Mächten, ja inzwischen auch zwischen mittleren Mächten kann zu einer enormen Erhöhung der globalen Militärausgaben führen. Und das muss zwangsläufig auf Kosten anderer wichtiger Aufgaben gehen.

So sehr also die europäische Verteidigung modernisiert werden muss und damit auch die Ausgaben an die Notwendigkeit, gegen mögliche Angriffe gerüstet zu sein, angepasst werden müssen, so sehr muss das Ziel eine kontrollierte Beschränkung der Rüstungsausgaben sei. Und dies geht nur durch eine Wiederaufnahme von entsprechenden Gesprächen und Verhandlungen zu Rüstungsbeschränkung und zur Abrüstung. Vor allem aber muss das Gespräch über gemeinsame Ziele zur Wahrung des Friedens wieder in Gang gesetzt werden - so schwierig das ist. Beginnen könnte man bei einer Kooperation in der Arktis. Es stellt sich also die Frage, ob man diese Region durch massive Aufrüstung von allen Seiten in eine hoch militarisierte Region verwandeln soll oder doch versuchen soll, zu einer friedlichen Kooperation aller Beteiligten zu kommen.

Rudolf Hermann und Andreas Doepfner sind diesbezüglich skeptisch, auch aus dem Grund, dass es bezüglich der Arktis keinen multilateralen Vertrag gibt, der die Verhältnisse zwischen den einzelnen Anrainer regelt: „Zum einen haben die USA die UNO-Seerechtskonvention nicht ratifiziert, wenn es auch immer wieder politische Vorstöße in diese Richtung gab und wenn auch die USA die Seerechtskonvention als Kodifizierung des internationalen Gewohnheitsrechts grundsätzlich anerkennen. Zum anderen haben jüngste russische Gedankenspiele, das Seerechtsabkommen zu verlassen, weil es russische Sicherheitsinteressen in der Arktis im Wege stehe, das Vertrauen in den arktischen Multilateralismus nicht eben gestärkt (…).“. Und daraus schließen Rudolf Hermann und Andreas Doepfner: „Die Vision einer Arktis friedlicher politischer Zusammenarbeit und global abgestimmte Aktionen zur Bekämpfung des Klimawandels ist damit für die nächsten Jahre oder gar Jahrzehnte unrealistisch geworden.“

Florence Gaub entwickelt auf Grund aktueller Trends drei Zukunftsszenarien. Einerseits einen „Kalten Frieden“ mit Handelskriegen um arktische Rohstoffe. Das zweite Szenario wird durch ein Wettrüsten mit einer Häufung von militärischen Zwischenfällen gekennzeichnet. Und das dritte Szenario besteht in einem Arktiskrieg. Aber demgegenüber erwähnt sie auch Strategien der Prävention. So könnte der Arktisrat, dem acht Anrainerstaaten angehören, zur Streitbeilegung herangezogen werden. Es müsste auch ein Abkommen über die gemeinsame Nutzung der Ressourcen geschlossen werden. Ebenso könnten gemeinsame Umweltstandards vereinbart werden. Notwendig wäre in diesem Zusammenhang auch die Herstellung von Transparenz hinsichtlich militärischer Aktivitäten.

Auch Tim Marshall kommt in seinem Standardwerk „Die Macht der Geographie – Geographie im 21.Jahrhundert“ zu eher optimistischen Schlussfolgerungen. Ja, die Eisschmelze hat die Geografie der Region und damit deren Zukunft verändert. Aber es sollte genug allgemeine internationale Regeln geben, die zu einer friedlichen Kooperation führen würden. Ein diesbezüglicher Respekt für Internationales Recht ist für jeden Staat notwendig, um die eigenen Ziele durchzusetzen. Nun, so rational denken viele Staatenlenker allerdings nicht. Es bedarf schon besonderer Anstrengungen, um Konflikte und letztendlich auch militärische Auseinandersetzungen zu vermeiden.

Die Arktis ist jedenfalls eine ökologisch, ökonomisch und verteidigungspolitisch kritische Region, die zu einem neuen Krieg führen kann. Aber sie kann auch zu einer Modellregion für eine, über die kontinentalen Grenzen hinaus wirksame, Zusammenarbeit mutieren. Gerade für Europa und insbesondere für seinen Norden ist entscheidend welcher Weg eingeschlagen wird. Nun mag es schwierig sein, angesichts der russischen Aggression gegen die Ukraine und insbesondere auch angesichts der hybriden Angriffe speziell gegen die baltischen Staaten, gerade für den Norden eine Basis der Zusammenarbeit mit Russland zu finden. Vor allen dann, wenn es zu einer Zusammenarbeit mit China zur gemeinsamen Bekämpfung des ‚Westens‘ kommt.

Aber die Arktis-Region ist zu wichtig für Europas Sicherheit und das Klima, als dass wir auf Versuche in dieser Richtung verzichten sollten. Angesichts der unterschiedlichen geopolitischen und klimapolitischen Auffassungen wird es nicht leicht sein zu einer Plattform der Zusammenarbeit mit Russland, China und den USA zu kommen. Aber Europa müsste alle Anstrengungen in diese Richtung unternehmen – parallel zu den gesamteuropäischen Rüstungsanstrengungen. Die Europäische Union sollte ihrem Gründungsgedanken und -motiv gerecht werden und trotz des Ukraine Kriegs versuchen im Norden Europas und insbesondere in der Arktis Region eine multilaterale Zusammenarbeit anstreben. Das schließt militärische Anstrengungen, um gegen kriegerische Aggressionen gewappnet zu sein, nicht aus, wäre aber eine entscheidende Ergänzung zur Erhaltung zum Frieden.


Dr. Hannes Swoboda, President of the International Institute for Peace (IIP), started his career in urban politics in Vienna and was elected member of the European Parliament in 1996. He was Vice President of the Social Democrat Group until 2012 and then President until 2014. He was particularly engaged in foreign, enlargement, and neighborhood policies. Swoboda is also President of the Vienna Institute for International Economics, the Centre of Architecture, the University for Applied Science - Campus Vienna, and the Sir Peter Ustinov Institute.